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Denkmal der Mehrdeutigkeit

Was uns das Heinrich-Heine-Monument erzählt

Heinrich Heine feiert heute seinen 221. Geburtstag, zumindest offiziell, denn die Forschung hat sich auf den 13. Dezember 1797 geeinigt. Im 19. Jahrhundert galten sowohl 1797 als auch 1799 als Geburtsjahr, weshalb man den 100. Geburtstag des Dichters gleich zweimal feierte. Heinrich Heine liebte es, mit seinen Geburtsdaten zu spielen und uns an der Nase herumzuführen. Das wahre Datum hütete er wie seinen Augapfel, sodass wir uns noch immer nicht sicher sein können. Der Mehrdeutigkeit des Dichters Heine widmete sich der Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim in seinem Heinrich-Heine-Monument aus dem Jahr 1981. Es hat seine Aktualität bis heute bewahrt.

„Heinrich Heine ist ein Plural“ – unter dieser Prämisse begann Bert Gerresheim 1978 seine Arbeit am Heinrich-Heine-Monument auf dem Schwanenmarkt, das sich am Ausgang der Düsseldorfer Carlstadt befindet. Gerresheim wählte bewusst die fußläufige Nähe zum Heinrich-Heine-Institut, denn hier sah er die Totenmaske Heines, die ihn zu seinem Werk inspirierte. Auf der Suche nach einem möglichst authentischen Porträt des Dichters wurde Gerresheim schon zu Beginn seiner Vorarbeiten mit dem ‚Plural Heine‘ konfrontiert. Die überlieferten Porträts zeitgenössischer Zeichner und Maler vermitteln keine eindeutigen Hinweise über das Aussehen Heinrich Heines. So erschien Gerresheim allein die Totenmaske als authentische Quelle. Sie wurde zum Ausgangspunkt einer vielfältigen künstlerischen Produktivität.

 

Von Zeichnungen, Reliefen und Büsten bis hin zu plastischen Entwürfen für großflächige Denkmalanlagen reicht die Palette von Gerreheims intensiver Auseinandersetzung mit Heinrich Heine. Den Kulturausschuss überzeugte schließlich eine Platzanlage, in der Heines liegender Kopf über die Grünfläche des Schwanenmarkts hinausragt und an die Großplastiken des Heiligen Hains von Bomarzo erinnert. Die damit verbundene, eindrucksvolle Spaltung des riesigen Kopfes teilte auch die Öffentlichkeit.

 

Der Spalt weist auf die „Wunde Heine“ hin, die Adorno konstatierte. Zugleich ist es ein gestalterisches Mittel um den ‚Plural Heine‘ räumlich umzusetzen und in jeder Perspektive ein anderes Bild des Dichters zu zeigen. In der Hauptansicht sieht man den kranken, von der Welt abgeschnittenen „Lazarus“-Heine im Exil. Die Ansicht des gespaltenen Kopfes verweist auf das schwierige Verhältnis des Deutschen zu ihrem international gefeierten Autor. Die Ansicht der Kopfsilhouette zeigt Heines Doppeldeutigkeit, die ihre Ensprechung in seiner Ironie und im verklausulierten Schreiben unter Zensurbedingungen findet.

 

Gerresheim bezeichnet sein Werk als „Fragemal“. Es ist und bleibt aktuell, denn der ‚Plural Heine‘, seine Mehrdeutigkeit, wird nicht nur in der Unterschiedlichkeit der Porträts sichtbar, sondern ist ein Merkmal der Überlieferung insgesamt. Das Denkmal macht die „blinden Flecken“ der Heine-Forschung bewusst, in der die ungeklärten Fragen von Heines Biografie und Werk noch immer viel Raum für Spekulationen und Interpretationen lassen.

Tipp:

Live-Mitschnitt meiner Heinrich-Heine-Sonderführung „Das Heinrich-Heine-Monument von Bert Gerresheim“